Viele Bewegungen fühlen sich für uns vollkommen normal an, obwohl sie nur deshalb selbstverständlich geworden sind, weil wir sie seit Jahren auf dieselbe Weise ausführen.

Unser Körper sucht sich Lösungen, die funktionieren. Das ist zunächst einmal sinnvoll. Er versucht, Stabilität herzustellen, Bewegungen zu ermöglichen und Anforderungen im Alltag möglichst effizient zu bewältigen. Dabei entstehen Gewohnheiten, die irgendwann so vertraut werden, dass wir sie kaum noch wahrnehmen.

Spannend wird es dann, wenn wir beginnen, genauer hinzusehen.

Nicht mit der typischen Frage, die ich oft höre: Was mache ich falsch?

Sondern mit der Frage: Wie organisiert mein Körper diese Bewegung eigentlich – und gibt es vielleicht noch eine andere Möglichkeit?

Genau dieser Blick verändert für mich viel. Denn Bewegung wird dadurch nicht zu etwas, das ständig kontrolliert werden muss. Sie wird verständlicher, klarer und bewusster.

1. Stabilität entsteht durch Festhalten

Wenn wir uns unsicher fühlen oder eine Bewegung anstrengend wird, versuchen wir häufig, Stabilität über Spannung herzustellen. Das kann bedeuten, dass wir die Knie stark durchdrücken, den Bauch dauerhaft anspannen, die Schultern hochziehen oder eine Haltung mit mehr Kraft halten, als eigentlich notwendig wäre.

Von außen muss das überhaupt nicht auffallen. Oft wirkt die Position sogar sehr stabil. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie diese Stabilität entsteht. Stabilität muss nicht bedeuten, möglichst viel festzuhalten. Im Gegenteil: Gute Stabilität lässt Bewegung und Raum zu. Sie gibt Orientierung, ohne den Körper unnötig starr zu machen.

Das lässt sich schon im einfachen Stand beobachten. Wenn ich meine Knie vollständig nach hinten drücke, fühlt sich das vielleicht zunächst sicher an. Verändere ich die Position nur leicht und beuge die Knie nur leicht, verteile das Gewicht bewusster über die Füße und lasse die Muskulatur wieder etwas mehr arbeiten, kann sich der ganze Stand anders anfühlen.

Nicht unbedingt spektakulär. Aber oft klarer und lebendiger. Genau solche Unterschiede interessieren mich.

2. Bewegung entsteht dort, wo sie am leichtesten verfügbar ist

Unser Körper ist sehr gut darin, eine Aufgabe irgendwie zu lösen. Wenn an einer Stelle weniger Beweglichkeit vorhanden ist oder wir eine Bewegung dort nicht gut kontrollieren können, entsteht sie häufig einfach an einer anderen, vielleicht auch schwachen Stelle, dort wo sie eigentlich nicht hingehört. Das ist zunächst keine schlechte Strategie. Problematisch kann es werden, wenn daraus eine dauerhafte Gewohnheit entsteht.

Ein einfaches Beispiel: Wenn eine Bewegung eigentlich stärker aus der Hüfte kommen könnte, aber dort wenig Bewegung stattfindet, übernimmt vielleicht die Lendenwirbelsäule einen größeren Anteil. Die Bewegung ist trotzdem möglich. Von außen sieht sie möglicherweise sogar völlig normal aus. Nur die Belastung verteilt sich anders. Deshalb reicht es für mich nicht, lediglich das Endbild einer Bewegung zu betrachten.

Mich interessiert viel mehr der Weg dorthin. Wo beginnt die Bewegung? Welche Körperbereiche arbeiten aktiv mit? Wo und wie wird etwas stabilisiert? Und an welcher Stelle übernimmt ein Bereich möglicherweise dauerhaft eine Aufgabe, die eigentlich besser verteilt werden könnte?

Gerade Yoga ist dafür ein wunderbares Beobachtungsfeld, weil viele Haltungen ausreichend Zeit geben, solche Zusammenhänge überhaupt erst wahrzunehmen.

3. Wir haben eine Lieblingsseite

Fast jeder Mensch hat Bewegungen oder Positionen, die sich auf einer Seite vertrauter anfühlen als auf der anderen. Wir stehen häufiger auf einem Bein, tragen Taschen immer auf derselben Seite, steigen vielleicht mit demselben Fuß zuerst eine Treppe hinauf oder drehen uns beim Sitzen bevorzugt in eine Richtung.

Solche Unterschiede gehören zum Alltag und müssen nicht automatisch verändert werden. Interessant wird es, wenn eine Seite fast immer übernimmt und die andere kaum noch beteiligt ist. Denn je länger ein Muster besteht, desto normaler fühlt es sich an. Es wird nun dann problematisch, wenn der Körper daraus Schäden zieht oder einseitige Abnutzungen erzeugt werden.

In einer Yogahaltung wird das manchmal sehr deutlich. Eine Seite wirkt selbstverständlich, auf der anderen fehlt plötzlich Orientierung oder Stabilität. Oft denken wir dann sofort, dass die „schlechtere“ Seite beweglicher oder kräftiger werden müsste.

Manchmal lohnt sich vorher aber eine andere Frage: Was mache ich auf meiner vertrauten Seite eigentlich anders?

Genau dort beginnt oft das Verstehen.

Es geht nicht darum, jedes Muster zu korrigieren

Ich halte wenig davon, den eigenen Körper permanent zu kontrollieren und hinter jeder Bewegung einen Fehler zu vermuten. Im Fluss sein heißt das Motto, sprich so leicht und unkompliziert wie bei einem Kind. 

Unser Körper ist anpassungsfähig, und genau diese Fähigkeit ist etwas sehr Wertvolles.

Es geht deshalb nicht darum, jede Asymmetrie zu beseitigen oder jede Bewegung in eine vermeintlich perfekte Form zu bringen.

Für mich geht es um Möglichkeiten und das in jedem Alter!

Je besser ich wahrnehme, wie ich mich bewege, desto eher kann ich entscheiden, ob eine Bewegung für mich gerade sinnvoll ist oder ob ich etwas verändern möchte.

Vielleicht brauche ich an einer Stelle mehr Stabilität. Vielleicht an einer anderen weniger Spannung. Vielleicht muss eine Bewegung kleiner werden, bevor sie sich wieder klar anfühlt.

Und manchmal verändert sich erstaunlich viel, obwohl äußerlich kaum etwas zu sehen ist.

Genau hinschauen, bevor wir mehr machen

Wenn sich eine Bewegung schwierig oder anstrengend anfühlt, besteht der erste Impuls häufig darin, mehr zu tun, zu dehne, zu kräftigen oder zu üben. Es kann sinnvoll sein, aber bevor wir mehr machen, lohnt sich aus meiner Sicht oft etwas anderes: genauer wahrnehmen.

Wie stehe ich? Wo entsteht die Bewegung? Welche Bereiche arbeiten zusammen? Wo halte ich unnötig fest und wo fehlt vielleicht Orientierung?

Solche Fragen verändern nicht nur die einzelne Übung. Sie verändern mit der Zeit auch den Blick auf den eigenen Körper. Und genau das verstehe ich unter Körperwissen: nicht möglichst viele Regeln zu kennen, sondern Zusammenhänge wahrnehmen und Bewegung immer besser einordnen zu können. Wir lernen ein Leben lang und wir dürfen den Körper beim Lernen begleiten, so dass er uns optimal dient und frei von Schmerzen sein kann.

KBI³ – Körperwissen praktisch erleben

Genau mit solchen Fragen beschäftigen wir uns auch in den KBI³ Workshops.

Im Grundlagen-Workshop geht es nicht darum, möglichst viele neue Übungen kennenzulernen. Wir beobachten Bewegungen, probieren kleine Veränderungen aus und vergleichen direkt, was sich dadurch im eigenen Körper verändert.

So wird aus theoretischem Körperwissen etwas, das du selbst spüren und später auch in deiner Yogapraxis, beim Sport oder im Alltag wiedererkennen kannst. Die Spiraldynamik und das Know-How dahinter, bieten dazu eine perfekte Grundlage dafür.

KBI³ Workshop 1 – Grundlagen

→ Mehr erfahren und Platz sichern

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